Maßregelvollzug Eickelborn und Forensische Psychiatrie generell: eine Kritik

Seit Ende 2017 herrscht Aufruhr in Eickelborn, denn auf Grund eines Gerichtsentscheids finden seit über zwanzig Jahren erstmals wieder unbegleitete Ausgänge im Umfeld der Klinik, des  LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt statt.

Hier ein Auszug aus meinem Buchtext aus 2002 zu diesem Thema und danach eine Gesamtdarstellung meiner Kritik am therapeutischen Strafvollzug an sich. Dieser Text ist eine etwas abgewandelte Fassung einer Kurzdarstellung meiner Forensik-Kritik aus dem letzten Jahr, der sich auch hier auf dem Musterpatientblog findet.

A) Buchtext zum Thema Freigänge aus dem Jahr 2002:

Mitte der 90er Jahre gab es einschneidende Änderungen im Ausgangskonzept, bedingt durch die wütenden Reaktionen der Öffentlichkeit.

Die wesentliche Änderung: Von Pflegern unbegleitete Ausgänge im Umfeld der Anstalt gibt es nicht mehr. Wenn jetzt jemand durch eifrige therapeutische Mitarbeit den Status eines Einzelausgängers erreicht, wird er zum Ausgang in seine sogenannte Heimatregion verfrachtet. Das heißt in der Regel dahin, wo er vor der Straftat gemeldet war. Das können Orte und Städte einige zig Kilometer von der Anstalt entfernt sein.

Ziel dieser Maßnahme ist natürlich eine Beruhigung der dörflichen Bevölkerung gewesen.

Meines Erachtens wirkt sie aber auch rückfallverhindernd. Denn einmal finden diese Einzelausgänge im Gegensatz zu früher nicht täglich statt, sondern nur einige Male im Monat.

Damit sind rein zeitlich die Chancen für Rückfälle aus der Anstalt heraus geringer. Hinzu kommt ein psychologisches Phänomen. Viele mit abgründigen Phantasien ausgestatteten Sexualstraftäter entwickeln diese Phantasien gerade dann, wenn sie sich wohl fühlen. Das ist meine Erfahrung mit denen. Befinden sie sich in äußeren Unsicherheitssituationen, denken sie vermutlich weniger an Sex und entwickeln deshalb weniger Gewaltphantasien als Reaktion auf ihre inneren Ängste.

Läuft aber alles zu ihrer Zufriedenheit, denken sie wie jeder Normalo vermehrt an Sex. Nur die weitere Reaktion dieser Leute, eben die Gewaltphantasien, sind halt unnormal.

Wenn ich jeden Tag draußen frei rumlaufen darf, entwickele ich schnell ein Sicherheitsgefühl.

Werde ich aber wie ein Gefangener irgendwo hingekarrt, fühle ich mich viel unfreier.

Diese Beobachtung gilt sicher nicht für jeden. Es gibt sicher Leute, die ihre Phantasien auch stabil in Phasen der Unsicherheit aufbauen und gezielt eine Flucht zur Verwirklichung dieser Phantasien planen und umsetzen. Wie schon gesagt: hier sehe ich eine der Hauptgefahren in der näheren Zukunft.

Ich könnte mir aber schon vorstellen, daß mit diesem System des außschließlich heimatnahen Ausgangs einige Rückfalltaten verhindert werden.

Denn beim ersten Kindermord Anfang der 90er Jahre war es zum Beispiel so, daß der Patient schon jahrelang Ausgang hatte und sich im Umfeld der Anstalt hervorragend auskannte. Ins Ausgangsbuch trug er immer den Spruch “ rund um die Anstalt“ ein. Natürlich hat er nicht eingeschrieben, daß er sich “ rund um die Anstalt“ regelrecht auf die Lauer nach kleinen Mädchen gelegt haben muß.

Und genau so ein Verhalten entwickelt jemand eher, der sich in einem Gebiet regelrecht heimisch fühlt.

B) Gesamtdarstellung meiner Forensikkritik, basierend auf meiner Erfahrung als Patient 1985 bis 1989 und der Auseinandersetzung mit Veröffentlichungen in Presse und Fachliteratur zum Thema „therapeutischer Strafvollzug“.

Der therapeutische Strafvollzug in Forensischer Psychiatrie, Sozialtherapeutischer Anstalt und im Gefängnis( Sicherungsverwahrung) ist eine verlogene Veranstaltung.

Nur und ausschließlich ein Lügner kann entlassen werden.

Dies deshalb,weil Kern der Therapie und Prognose neben Tatbegehungsanalyse/Analyse tatfördernder Lebenseinstellungen und dem Kriterium „Gemeinschaftsfähigkeit“ vor allem das ist,was ich als Gefühlsfähigkeit bezeichne:

Der Patient muß auf Suggestion des Therapeuten( Können Sie spüren, wie der Schmerz über ihre Tat im Raum steht?) die gewünschten, meist negativen Gefühle( Ängste, Scham, Schuld usw.) vorführen und verbalisieren. Ein völlig unnatürliches Verhalten, die natürliche Reaktion ist Verärgerung und Abwehr. Die einzigen Menschen, die solch masochistisches Verhalten mit Freude zeigen(und im übrigen die natürliche Abwehrreaktion als“Widerstand“pathologisieren), sind die Therapeuten selbst in ihrer Therapieausbildung. Die „Freude“resultiert bei denen daraus, daß sie diese Selbsttherapie als Initiationsritus zu Macht, Anerkennung und Geld erleben und sich so ein erhebendes Ausgleichsgefühl schaffen, sie somit die negativen Gefühle gar nicht wirklich erleben. Der Normalo kann solch“anbefohlenen“ Gefühle im Gegensatz zu aus sich selbst heraus entstehenden Gefühlen als „Spontanphänomen“ nur durch Täuschung scheinerfüllen. Eine grundsätzliche Kenntnis der Schauspielertechniken hilft hier weiter, manche, insbesondere Frauen, sind hier Naturtalente.

Es gibt zwei Methoden, Menschen zu manipulieren:

1)Verkäufer verändern die Entscheidungskriterien ihrer “ Opfer“.

2) Mitspieler/“Politiker“ scheinerfüllen die Entscheidungskriterien,lügen also zwecks Entlassung.

Gegen den “ Verkäufer“ wappnen sich die forensischen Therapeuten heute durch Supervision.DieseMethode funktioniert deshalb heute nicht mehr.Diese Verkäufer-Methode der Veränderung der therapeutischen Entscheidungskriterien durch emotionale Manipulation( häufig aber nicht ausschließlich durch die  sexuelle(platonische) Verführung der Therapeutin) ist die einzige Manipulationsmethode, mit der sich die Therapeutenschaft reflektierend auseinandersetzt und mit Supervision und prognoseberatender gegenseitiger Kontrolle ein recht gutes Abwehrmittel gefunden hat.

Den “ Politiker“ dagegen erkennen die Therapeuten gar nicht, die therapeutische Ideologie macht sie blind.Der Denkfehler der Therapeuten liegt hier in der Ignoranz gegenüber der Täuschungsfähigkeit des Patienten, diese Ignoranz resultiert natürlich aus der der ganzen Psychiatrie schon traditionell zugrundeliegenden Entwertung der Patienten als vollwertige Menschen.

Der perfekte Lügner fällt gar nicht als solcher auf. Wesentlicher Punkt einer erfolgreichen Lüge ist das Zuschneidern selbiger auf die Wertewelt des zu Belügenden.

Da jeder Forensik-Mitarbeiter Entlaßkriterien verinnerlicht hat, gilt es, diese herauszufinden und verhaltensmäßig zu erfüllen,besser gesagt scheinzuerfüllen Dabei ist es unerheblich,ob der Therapeut wie früher per intuitiv-klinischem Blick entscheidet oder sich auf die Systematik von Gefahrenprognosetests wie HCR-20 (der heutige Standardtest bei allen Prognoseentscheidungen)stützt.Dieser Test ist ein Fremdbewertungstest,das heißt der Therapeut füllt ihn nach seinen Eindrücken über den Patienten aus.Letzterer wirkt nur indirekt mit,eben mit dem Eindruck,den er durch seine Reaktion auf die therapeutischen „Anordnungen“ erzeugt.Von einem ehrlichen Menschen nicht per Anordnung erfüllbare Kriterien wie „authentische Trauer und Bedauern“(möglich,siehe oben,nur als“Spontanphänomen“zwecks natürlicher Verhaltenskorrektur.Und auch nicht allzu lange,sonst wirds dysfunktional zur Depression)oder die Vorgabe einer kritiklos-prosozialen“Einstellung gegenüber Autoritäten und Recht und Ordnung“sind wesentlicher Teil des HCR-20.Die “ Kriterienworte“ der verschiedenen Behandler sind dabei oft gleich, schließlich beten sie ausbildungsbedingt die gleichen Therapieideologien an. Die den „Kriterienworten“(Empathie,Reue,Compliance und ähnliche unspezifizierte Haupworte) individuell je nach Therapeut zugeordneten sinnesspezifischen Assoziationen dagegen unterscheiden sich durchaus. Für den einen Therapeut heißt Reue,wenn der Therapeut eine Moralpredigt hält,der Patient bedrückt guckt und gelegentlich mal ein „ja klar“einstreut.Sein Kollege dagegen möchte ein Selbstverurteilungsstatement vom Patienten hören.Für den einen ist “ Gemeinschaftsfähigkeit“ ruhiges Mitlaufen( Ossis), für den West-68-er Therapeuten ist der Konfliktthematisierer( wenn es denn die von den Therapeuten „gewünschten“Themen sind) der „gemeinschaftsfähige Therapieking“. Diese Differenzierung zwischen Begriff (Kriterienwort)und Anschauung (die oft individuell stark unterschiedliche,häufig unbewußte sinnesspezifische Assoziation)kannte schon Kant und ist die Grundlage der Therapeutenanalyse.Der gebildete Patient ist klar im Vorteil.Eine Einstellung teilen alle Therapeuten: sie wollen das ihren Kriterien entsprechende Verhalten sowohl vielfach wiederholt als auch über einen längeren Zeitraum erleben.

Wie will ein Therapeut den “ Mitspieler“ erkennen,  wenn dieser Musterpatient den eigenen, vielfach eben gar nicht bewußt reflektierten Details des “ Entlaßideals“ entspricht?

Hinzu kommt: würde die Therapeutenschaft die Mitspieler-Methode reflektieren, müßte sie redlicherweise die Tätertherapie an den Nagel hängen. Denn einmal müßte sie erkennen, daß die oben genannten Prognosekrieterien nur von einem Lügner scheinzuerfüllen ist, ein sich natürlich verhaltender auch noch so gesunder Normalmensch immer daran scheitern würde. Denn die Liebe zum “ Zwangsgefühl“,zur “ Zwangsgemeinschaft“ und zur prosozialen „Akzeptanz von Autoritäten und Recht und Ordnung“ wie im HCR-20 vorgegeben ist eben nicht natürlich.Die Vorgabe des HCR-20 impliziert dann nämlich je nach zeitgeistbedingter“Anschauung“des Therapeuten entweder ein Verleugnen der sexuellen Mißbräuche an Heimkindern( Professor Rasch bezweifelt  im Bartsch-Film“ Tagebuch einer Bestie“ dessen Mißbrauch durch einen Priester ) oder ein Verharmlosen,wenn der Therapeut die sexuelle Devianz seines Patienten hauptsächlich genetisch bedingt erklärt( siehe Film“ Restrisiko“).Der perfekte Lügner kann sich beiden“Anschauungen“anpassen.

Psychotherapie ist meines Erachtens übrigens generell verlogen,ist Ausdruck einer unrealistischen,die natürliche Gewalt als „Coping-Strategie“ ausblendenden bürgerlichen Weltsicht.Und deshalb funktioniert Therapie auch in der freiwilligen Variante abseits der Forensik oft nicht,verschlimmert sogar das Leiden.Beispiel Odenwaldschule:nachdem der Direktor dort die Kids zu kleinen Schwuchteln gemacht hat,lernen sie nun in der Therapie zumindest implizit,das zu akzeptieren und lebenslang kleine Schwuchtel  zu bleiben. Mit ewig währender  Therapie,die“komischerweise“trotz modernster EMDR-Augenwackeltherapie nicht wirkt.Und zwar deshalb nicht wirkt,weil die gutbürgerlichen therapeutischen Vorgaben die natürliche Reaktion,also reale Gewalt gegen die Täter tabuisieren und verbieten.Und als gesetzestreuer Publizist will ich das auch gar nicht kritisieren,schließlich gibt unser Strafrecht diese Sicht der Dinge vor.Ich nenne aber ein Gegenbeispiel:einer der Protagonisten des Films“Die Ehre der Paten“.Der schildert,wie er seinen Erzieher umbrachte.Mit tausenden Grad heißer Schmiedezange umfaßte er ihn und mit einer Eisenstange schlug er ihn tot.Ich lehne das absolut ab und begrüße es,wenn alle Mißhandlungsopfer so,wie es deutsches Recht,HCR-20 und alle gutmenschlichen Therapeuten vorgeben,auf ewig Schwuchtelinchen bleiben.Gleichzeitig beobachte ich aber:der Mann sitzt vor seiner 70-Millionen-Villa an der französischen Cote d’Azur,hinter ihm umspielt die Meeresgischt die in See stechenden Boote.Er wirkt sehr mit sich im Reinen und überhaupt nicht therapiebedürftig.Das gibt mir zu denken.

Zurück zur forensischen Therapeutenschaft:Bei Reflektion der Mitspieler-Methode würde sie zum zweiten  erkennen, daß es keine wirklich wirksamen Prognosekriterien gibt. Die von mir “ Lügenhürden“ genannten Kriterien Gefühlsfähigkeit, Tatbegehungsmuster und Gemeinschaftsfähigkeit wirken ja nur indirekt prognostisch. Nur wenige Patienten sind intelligent und gebildet genug zur oben geschilderten Therapeutenanalyse, nur diese wenigen werden heute noch entlassen. Intelligenz ist anerkannterweise ein rückfallpräventiver Faktor,die zum Lügen erforderliche emotionale Flexibilität vermutlich auch.

Maßregelvollzug als solcherart „Intelligenztest pervers“ erklärt bestens die Erfolge,die es ja mit recht niedriger Rückfallrate durchaus gibt.Aber eben auch die“unerklärlichen Rückfälle“,wenn ein per Lüge leicht zu verheimlichender oder als „therapiert“kommunizierter Zusatzfaktor wie sexuelle Mordlust stärker ist als intelligenzbedingt entworfene legale Handlungsalternativen.

Einmal stört mich Verlogenheit an sich, dann auch die daraus resultierenden gesellschaftsschädigenden Zustände, im Fall der Tätertherapie die unnötigen Rückfälle. Mein Ideal ist der ehrlich-beinharte USA-Strafvollzug. Ewigkeitshaft verhindert den Rückfall mit absoluter Sicherheit,ganz ohne Therapie. Da ich in diesem Text schon bis Kant zurückgedrungen bin, möchte ich noch weiter zurückgehen. Europa ist geprägt durch den Rationalismus und eben deshalb bis heute erfüllt von tollen Ideen und Dogmen mit dem kleinen Schönheitsfehler, selbige nicht an der Realität testen zu wollen, was beispielsweise Kommunismus aber eben auch Straftätertherapie ein dauerhaftes Überleben als Idee in europäischen Intellektuellenköpfen sichert.Die englischsprachige Welt wurde vor allem vom Empirismus geprägt. Darum kommen dortige Intellektuelle eher drauf, nach vielen Rückfallmorden vorgeblich Therapierter “ empirisch begründet“auf die Straftätertherapie gänzlich zu verzichten. Diese Verortung der jeweiligen Strafvollzugskonzepte in jahrhundertealten, sehr gegensätzlichen Varianten der Aufklärungsphilosophie zeigt mir, daß sich hierzulande so schnell nichts an der meines Erachtens weltfremden Straftätertherapie ändern wird. 

Update 28.02.2018
In der Presse -Der Patriot-wird ein Herr Antonius Michl-Kemper anläßlich einer gestrigen Eickelborner Bürgerversammlung zitiert:
„Damals war die Klinik unser Feind, heute ist sie genauso gebeutelt wie wir.“
Und die Direktorin der Eickelborner Forensik führt aus(Artikel auf wdr):

Weitere Mordtaten seien nahezu ausgeschlossen, da die Diagnostik und die gesamte Psychiatrie sich immens verbessert hätten.

„Das ist mit der Psychiatrie vor 30 Jahren gar nicht vergleichbar“,sagt die Forensik-Chefin.
Mir zeigt das: Die Schafsnatur der Menschen ist nach wie vor sehr ausgeprägt,folgt nur zu gern der professionell-verlogenen Kommunikation der Autoritäten.
Denn Frau Saimeh muß wissen,daß es nach einer gewissen „Pause“ in den Nullerjahren seit 2010 eine Häufung schwerster Rückfälle aus den forensischen Kliniken heraus gab,darunter 4 Morde.
Im einzelnen:
2010 Bernhard S. Vergewaltigungsfahrt durch ganz Deutschland kurze Zeit nach seiner Entlassung aus einer bayrischen Forensik
2013 Münchener Barfraumörder:er stalkte sie auf Ausgängen und ermordete sie am Entlaßtag
2015 Freigänger aus dem Maßregelvollzug im Land Brandenburg fesselt Joggerin an Baum
2016 Loccum Freigänger ermordete eine junge Frau auf Ausgang aus der dortigen Forensik,die Polizei versuchte zuerst den Vater als Täter dranzukriegen.
2017 Doppelmord eines entflohen unbewachten Forensik-Hofgängers in Rott am Inn an einem Ehepaar.
Alle diese Rückfälle passierten in den letzten Jahren,in denen Manualisierung von Therapie (Beispiel:Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter BPS)und Prognose (HCR-20)selbige standardisiert haben. Frau Saimeh meint das vermutlich mit“immenser Verbesserung“.
Die Wirklichkeit entlarvt diese „Verbesserung“ als große Lüge.
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