Ein Kindermord in Eickelborn

In den 80ern und frühen 90ern gab es aus dem Maßregelvollzug Eickelborn heraus insgesamt 3 Morde und 3 Mordversuche.Der erste war um 1985 der Mord an einem zwergenhaften Anstaltsinsassen durch einen forensisch Untergebrachten.Dann folgte ca.1987 der Mordversuch an einem Pfleger (siehe Original Buchtext).Danach 87 oder 88 der versuchte Mord des vierfachen Frauenmörders an einer kanadischen Touristin im Intervity nach Frankfurt(er war auf Freigang auf Reise zur Mutti).Dann der Kindermord 1990,um den es in diesem Text geht.Dann die versuchte Tötung einer Krankenschwester.Und „abschließend“1994 um einen weiteren Kindermord durch einen Anstaltsinsassen auf Freigang (dazu findet sich auch ein wenig im Original-Buchtext.Wie auch zur versuchten Tötung zu Lasten der Schwester,verursacht durch „fortgebildete“Pfleger,die in ihrer Überstudiertheit nicht bis 16 zählen konnten und somit übersahen,daß Nr.16 nicht im Wachtrakt eingeschlossen war.Außerdem berichte ich da über weitere Vergewaltigungen an Schwestern/Erzieherinnen).

Nun zum 1990er Kindermord.

Herbst 1990 ermordete mein ehemaliger Zimmergenosse Herbert E. im „Trotzbachhaus“ – Forensik Maßregelvollzug forensische Psychiatrie Eickelborn / heute LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt – ein Mädel im Nachbarort Benninghausen .Warum?Er entwickelte vermutlich Mordfantasien,weil er Terror/Prügel seiner Mitinsassen nicht mehr aushielt. Ich war nur bis Mitte 89 da,das „sich-auseinandersetzen“mit Mitpatienten gehörte wohl zum damaligen,den E. völlig überfordernden Therapiekonzept.

Natürlich war das Konzept „Lernen Sie,Sich mit ihren Mitpatienten auseinanderzusetzen,auf sprachliche Auseinandersetzung angelegt. Nur hielten sich viele nicht daran,und E. war nicht in der Lage,die erlittene Gewalt den Therapeuten zu kommunizieren. Durch Inkonsequenz und Arroganz-er versuchte einerseits,bei den Kloppeteien mitzumachen,nervte die Therapeuten andererseits durch Auftritte als „Hilfstherapeut“ in Anzug und mit Aktenkoffer auf Fachtagungen-brachte er die Therapeuten gegen sich auf.

So wie ich das sehe,war E. sowohl für die Therapeuten als auch Patienten der Stationssündenbock,wobei er sich durch Unfähigkeiten bei der Stationsarbeit gepaart mit seinem besserwisserischen Auftreten fortlaufend aufs neue qualifizierte.Eine gefährliche Situation auch für mich,denn hätte ich seine Not den Therapeuten(damit sind gemeint der stationsleitende Heilpädagoge und das Pflegepersonal) mitgeteilt,
wäre mir das meiner Meinung nach als narzisstisch motivierte Einmischung negativ ausgelegt worden. Also habe ich die gegen E. gerichtete Gewaltatmosphäre toleriert-unschön und strafbar von mir und sicher auch von mir aus heutiger Sicht abzulehnen-und bin für diese abzulehnende Schlauheit schnell beurlaubt worden.
Ich vermute, daß die Gewalt nach meiner Beurlaubung Mitte 89 noch zugenommen hat ,Mordfantasien in E. auslösten,die dann im Herbst 90 zum tragischen Mord führten.Zynismus siegt: durch mein nicht nur in diesem Fall unmoralisches und abzulehnendes Verhalten wurde ich entlassen.Und ein Mädchen ermordet.
Das uns Patienten meiner Erinnerung nach immer wieder kommunizierte „Auseinandersetzungskonzept“ eignet sich halt meiner Ansicht nach nur für intellektuell und auch emotional einigermaßen befähigte Leute.Kurios,daß ich als genereller Kritiker jeder Straftätertherapie hier sagen muß: das Konzept des Trotzbachhauses mit seinem „Konfliktdiskurskonzept“ (meine Beschreibung des Therapiestils dort)
ist die einzige Therapie,die mir etwas gebracht hat.In starker und intensiver Verdichtung konnte man im Leben zwangsläufig auftretende Konflikte im Zusammenleben erfahren und einen „Diskursstil“ zur Bewältigung erwerben. Ermöglicht wurde das vor allem durch das extreme Engagement des Heilpädagogen,der auch wenn nötig nachts zu Konfliktgesprächen erschien.
Auch den Heilpädagogen habe ich natürlich belogen,er war meiner Ansicht nach ein Dogmatiker ohne die für das praktische Leben nötige Flexibilität. So bin ich gleich in meinen ersten Tagen im Trotzbachhaus furchtbar mit ihm aneinandergeraten,weil ich laut ihm meinem Arbeitgeber nichts über meine Straftat sagen durfte. War völlig schwachsinnig,weil dieser Arbeitgeber ja explizit einen forensischen Patienten angestellt hatte.
Also habe ich dem Heilpädagogen einen Brief geschrieben,mich für meine irrige Ansicht,dem Arbeitgeber auf dessen Nachfrage Auskunft über meine Straftat geben zu wollen,entschuldigt..Das fand er wiederum toll meiner Erinnerung nach(Lügen,die ihr Weltbild bedienen,finden Therapeuten ja immer toll). Aber alles in allem ist der Heilpädagoge für mich als der einzige Therapeut in meiner Zeit rübergekommen,der den Patienten wirklich weiterhelfen wollte.
Und nicht nur ihrer eigenen Selbstinszenierung als Gutmenschen,mein Eindruck von fast allen anderen Therapeuten.Deshalb ist besonders tragisch,daß der Heilpädagoge meiner Meinung nach die Grenzen seines Konzepts nicht erkannt hat und damit nicht die Not von E. , die diesen meines Erachtens zum Mord motiviert hat.
Zur Entschuldigung des Heilpädagogen muß man aber sagen,daß er sich meiner Erinnerung nach vielfach beklagt hat,von der Klinikleitung Patienten „aufgedrückt“ zu bekommen,die noch nicht reif seien für sein Therapiekonzept. Meines Wissens bezog er sich da nicht auf den E.,sondern auf jemand anderen,der dieses Mißtrauen später auch „voll gerechtfertigt“ hat: dieser Patient brannte nämlich das Trotzbachhaus nieder.
Fazit :Straftätertherapie funktioniert nicht,gäbe es sie nicht sondern Langzeithaft á la USA,würde das Mädel aus Benninghausen noch leben.
Zum besseren Verständnis: das Trotzbachhaus war in den späten 80ern bis in die 90er ein offenes Haus der forensischen Klinik, in dem vor der Entlassung stehende Patienten weitgehend selbstständig leben sollten, therapeutisch eben begleitet vom Heilpädagogen und einer nächtlichen Pflegebereitschaft und einer halben Pflegestelle tagsüber.
Es war ein kleines Doppelhaus, es gab also zwei Wohngruppen zu je 4 bis 6 Patienten. Ich möchte hier nochmal deutlich machen: sowohl den Mord des E. am Mädel als auch die Prügel, die der E. von den Mitpatienten bezog als auch mein diesbezügliches Schweigen gegenüber den Therapeuten bewerte ich negativ und lehne ich natürlich ab.
Die “ richtigen Prügel“ setzte es für den E. natürlich in Abwesenheit der Therapeuten, ich erinnere den Sonntag, an dem ich während der Vorbereitung des Mittagessens von den in der ersten Etage gelegenen Wohnräumen schreckliche Schreie des E. hörte, weil der ihn schwerpunktmäßig malträtierende “ Kamerad“ ihn in einen Schrank gestopft hatte und ihm auf die Innereien schlug.
Der E. war leider etwas suboptimal intelligent, er konnte sich zwar befreien, rannte zum Pflegerzimmer und schlug verzweifelt an die Tür. Etwas intelligenter, hätte er realisiert, daß wir am Sonntag tagsüber ganz allein im Haus waren. Der Schläger kam ganz lässig die Treppe runter, schnallte sich gemächlich den Gürtel ab, um den E. weiter zu vermachen, ließ dann aber für diesen Moment von ihm ab.
Wie schon oben gesagt: sein Leid vermochte der E. nicht zu kommunizieren, im Beisein der Therapeuten sagte er zwar, daß er verhauen werde, fing dabei aber gleich an, selbst leichte Schläge an die “ Kameraden“ zu verteilen. Die sich das natürlich grinsend gefallen ließen, weil sie merkten, daß die Therapeuten wegen der Eitelkeit/ Verdrängung des E. das wahre traurige Ausmaß der Prügel nie erahnen würden.
Mein Eindruck von den Therapeuten sowohl auf dieser als auch auf anderen Stationen war, das man über Gewalt zwischen den Patienten gar nicht so viel wissen wollte, hätte man sich doch so das tolle humane Therapiekonzept selbst schlecht gemacht. Wie gesagt, mein Eindruck der Therapeuten aus den 80ern, sie werden es vermutlich anders sehen.
Was hat sich geändert in den fast 25 Jahren, seit ich dort nicht mehr Patient bin? Bis in die zweite Hälfte der 90er habe ich regelmäßig Patienten besucht, seitdem war ich nur noch wenige Male da, seit rund 10 Jahren nicht mehr auf dem Anstaltsgelände, das ja inzwischen einer Festung gleicht, die von Besuchern nicht mehr ohne weiteres betreten werden kann.
Die baulichen Veränderungen deuten es an: das Klima in der Anstalt- alles nur mein persönlicher Eindruck- ist deutlich strenger geworden. Ich vermute, daß sich dadurch auch das Gewaltklima in der Anstalt selbst deutlich reduziert hat. Von 85 bis 94 gab es ja die oben aufgelisteten Morde und Mordversuche aus der Anstalt heraus und auch in der Anstalt selbst.
Nur damit keine Beunruhigung aufkommt: der E. ist nach der Tat rasch als Täter ermittelt und abgeurteilt worden. Und zumindest zu meiner Zeit,vermutlich auch unmittelbar vor der Tat war ihm nichts dahingehend anzumerken,daß er einen Mord plante.

 

 

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