Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich Eine Filmkritik

Um 1990 herum las ich in einem älteren englischsprachigen Readers Digest Heft die Geschichte eines College-Paares,das die Eltern der jungen Frau ermordet hatte und nach einer Flucht um die halbe Welt in England gefaßt wurde.Sie war schon in die USA ausgeliefert,er war noch in England.Es gab Briefe,in denen beide etwas verklausuliert die Tat planten. In den 90ern blätterte ich bei einem Buchladenbesuch durch die deutsche Ausgabe vom true-crime-Buch Beyond Reason,erfuhr, daß sie verurteilt sind. In den Nullerjahren entdeckte ich im Internet eine Webseite von Jens Söring mit Hinweisen auf ein religiöses Buch,was er verfaßt hatte.“Er versucht es auf die Religionsmasche“,dachte ich mir.Mit Manipulationsmaschen,um aus dem Knast zu kommen,kenne ich mich bekanntlich aus.                       Nebenbei: auch bezüglich den USA glaube ich nicht an die Wirksamkeit der Religionsmasche,denn im dortigen Christentum vergibt Gott,nicht aber der Mensch.Hat Hochbegabten-Stipendiat Jens nach etlichen Jahren auch erkannt und ist nun wieder ungläubig…
Natürlich hat mein eigenes Delikt bewirkt,daß mir der Fall seit der Readers Digest Lektüre vor über 25 Jahren im Gedächtnis blieb.
2011 entdeckte ich auf youtube einige Dokus über den Fall und Jens‘ Blog,was seinerzeit noch eine Kommentarfunktion hatte.
Ich schrieb einige Kommentare dahingehend,daß er so unschuldig nicht sein könne,schließlich verwirkten seine Briefe die Beihilfe zum Mord per psychischer Beeinflussung. Meine Kommentare wurden von den Administratoren auch freigeschaltet,bis dann auf Abweisung aus Virginia meine Kommentare zuerst blockiert wurden und nach wenigen Tagen die ganze Kommentarfunktion abgeschaltet wurde. Ich habe dann noch einige Leserbriefe zu Zeitungsartikeln über den Fall verfaßt.Daraus erwächst die zweifelhafte Ehre,daß ich bis heute auf der Jens-Webseite als einer seiner „Stalker“gelistet bin.
Zum Film:Ich besuchte die Vorstellung im Potsdamer Thalia am 30.10.2016, beide Regisseure kamen nach dem Ende der Vorstellung dazu ,erklärten einige Hintergründe und beantworteten Fragen.
Ich setze bei dieser Filmkritik voraus, daß der Leser mit dem Fall durch die Webseite zum Film http://das-versprechen.de/der-film/ einigermaßen vertraut ist, somit verzichte ich darauf, die ganze Story hier noch einmal zu erzählen.
Mein Fazit:Eine der bestgemachten Dokus,die ich gesehen habe. Das sage ich,obwohl oder gerade weil sie auch eine der besten manipulativen Dokus ist,gleichzeitig aber auch eine der aufklärerischsten.
Eine Kleinigkeit vorweg: ich war Jahrzehnte nicht mehr im Kino,sehe Filme normalerweise nur auf einem Billig-Laptop und erinnere kinotechnisch auch eine gewisse Körnigkeit. Deshalb weiß ich nicht,ob eine derartige gestochen scharfe Bildqualität wie bei dieser Doku inzwischen normal ist.
Das ist aber nur ein Nebenaspekt.Der Film lebt von der Qualität der Kameraführung,dem Originalmaterial des Gerichtsprozesses,dem Jens-Interview,den Protagonisten.Und natürlich vom Zusammenschnitt des ganzen im Sinne der Grundaussage des Films: sie hat die Morde begangen,und zwar nicht allein,sondern mit Hilfe mehrerer Typen,die auch namentlich genannt werden.Das wird nicht ganz so direkt gesagt im Film,es ist aber die Schlußfolgerung,die der Zuschauer zieht und wohl auch ziehen soll.Eine zweite Grundaussage des Films:in Virginia sollte und soll der sexuelle Mißbrauch durch die Mutter an ihr vertuscht werden.Letzteres halte ich für absolut wahr,hier zeigt der Film seine aufklärerischen Qualitäten,wenn auch die Filmemacher damit wiederum eine manipulative Absicht verbinden:dem Jens Söring das Tatmotiv abzusprechen.
Der Film beginnt mit einer hypnotisch wirkenden Autofahrt durch dunkle virginianische Wälder, unterlegt mit mit der Musik “ I put a spell on you“, gesungen von Annie Lennox. Dieser “ Spell“ läßt den Zuschauer nun nicht mehr los, wenn im Wechsel Jens spricht, wir die Originalaufnahmen aus dem Prozeß sehen mit Jens und Elizabeth sowie Interviews mit den anderen Protagonisten, in der Hauptsache Jens-Unterstützer.
Ein Mann sticht hervor: der Detektiv Dave Watson.So in der zweiten Hälfte des Films hatte ich zeitweise das Gefühl, eine Folge der von mir sehr geschätzen Serie Magnum P.I. zu sehen.Optisch entspricht der Detektiv zwar mehr Bruce Willis, aber sein Verhalten, seine Haltung beim Ermitteln ist Magnum-artig. Pausenlos läuft er vor verschlossene Türen.Ruft er an, wird aufgelegt, eine Uni-Professorin( Psychologin!) droht mit der Polizei, sollte er nochmal kommen. Ähnlich dem fiktiven Magnum, bleibt er darob völlig gelassen, als hätte er das alles so erwartet.Überall hinterläßt er seine Visitenkarte, oft in den Spalt der Eingangstür geklemmt. Der Typ hat Stil, ein Herr fragte in der anschließenden Diskussion die Regisseure, ob der gecastet sei, der Detektiv habe eine Wirkung wie ein Hollywood-Schauspieler. Beide Regisseure versichteren glaubwürdig: nein, der ist einfach so.
Anders als Magnum, der als fiktiver Detektiv ja letztlich immer Erfolg hat, bleibt Watson am Ende erfolglos. Interessante Zeugen, potentielle Tatverdächtige sind entweder verstorben oder wollen nicht reden. Der Erfolgseffekt könnte aber mit der Ausstrahlung des Films kommen, nicht zuletzt, weil Watson’s unbeirrbarer Stil Nachfolger inspirieren könnte. Einen Detektiv kann man vom Campus weisen, aber was machen die Psychologie-Professorin und der Herr mit der Haartolle, wenn ihr Umfeld mal ein paar Fragen hat oder ’ne Menge Hobbydetektive plötzlich aktiv wird? Einzig der verstorbene Drogenhändler ist da fein raus…
Eine der Kernszenen des Films zeigt den Richter Sweeney zusammen mit seiner Frau beim Betrachten der Prozeßvideos.
Diese Szene mit dem Richter und seiner Frau zeigt, zu welchen Verwerfungen die vordergründig erfolglose Detektivarbeit in der Virgianischen Gesellschaft noch führen könnte. Aus dem kleinen Vortrag von Frau Steinberger und Markus Vetter nach dem Film und einigen sonstigen Interviews mit den beiden weiß ich, daß dieser Film überhaupt nur durch unglaubliche Zufälle in dieser Form möglich wurde. Das Jens-Interview ist das letzte, das Jens in seinem Gefängnis geben durfte, heute gelten neue Regelungen, die das verbieten. Das komplette Filmmaterial des Jens-Prozesses verdanken die Autoren der Freundschaft des heutigen Eigentümers des Haysom-Hauses mit dem Richterehepaar. Und so gewährte Richter Sweeney dem absolut nett und harmlos wirkenden Regisseurpaar Steinberger/Vetter die Möglichkeit, ihn und seine Frau beim Betrachten der Videos zu filmen- normalerweise lehnt er wohl Interviews mit deutschen Medien ab. Und auch hier sollte es kein Interview sein, wie Vetter/ Steinberger bei der Nachbesprechung schilderten. Der Richter hatte nur zugestimmt, beim Betrachten der Videos mit seiner Frau gefilmt zu werden. Doch dann passierte es: die Frau von Sweeney fing an zu reden. Und war kaum mehr zu bremsen. Es habe ja Gerüchte gegeben, wiederholte sie mehrfach, bis sie von ihrem Mann gestoppt wurde mit dem Hinweis, diese Gerüchte seien nicht wahr.
Bei der Nachbesprechung kam die Frage an die Regisseure, warum sie dann nicht aggressiv nachgefragt hätten. Beide erläuterten, das sei nicht ihr Stil. Der Aggressionsstil würde auch eher Türen verschließen statt öffnen. Und die Szene mit dem Richter und seiner Frau sei doch selbsterklärend.
Ich sehe das genauso. In manchen Situationen, wenn der “ Gegner“ am eigentlich längeren Hebel sitzt und man selbst keine Machtposition hat, eröffnet die Freundschafts-Methode á la NLP-Pacing Einblicke, die man mit dem Aggressionstil nie erreicht hätte.
Mir gefällt die Doku sicherlich auch deshalb, weil ich ja selbst ein Troll und Querkopf bin, der diese Neigung wenn nötig gern auch verdeckt auslebt, getarnt hinter meiner schüchternen und im Umgang etwas tolpatschigen Fassade. Die Regisseure sind nicht tolpatschig, aber dafür so harmlos-nett im Umgang bei gleichzeitig größter planerischer Hinterfotzigkeit,daß ein Ricky Gardner wohl meinte, mit seinem Routineprogramm hier auch in der 51. Billigdoku souverän zu erscheinen. Auch auf ihn warten wohl ein paar unangenehme Fragen, insbesondere nach dem FBI-Profil, dessen Existenz er gegen die Erinnerung des Profilers Sulzbach und seines Kollegen Chuck Reid leugnet. Vielleicht nutzt er die 400 Dollar, die er nach Auskunft der Regisseure als einziger Protagonist für sein Mitwirken verlangte, für einen kleinen Erholungsurlaub fern von Virginia, wenn es da unter den Stützen der Gesellschaft unruhig wird. Trotz gänzlich anderer Bewertung des Falls-dazu gleich: allein die Vorstellung, daß diese verlogenen Mißbrauchseliten in Virginia etwas durcheinanderkommen, gefällt mir außerordentlich.
Zur Bewertung des Falls: was dort wirklich passierte, wissen nur die Beteiligten. Alle Beweismittel-bis auf die Briefe- in dem Fall sind beliebig interpretierbar und helfen deshalb nicht weiter. Für mich ist aber auch nicht so wichtig zu wissen, wer genau wie genau die Eltern umgebracht hat. Mein Ausgangspunkt, mich 2011 wieder mit dem Fall zu befassen, waren die “ Ich bin unschuldig“-Behauptungen von Jens. Für Unschuldige setze ich mich gerne ein, wenn ich aber vom “ Unschuldigen“ offensichtlich belogen werde, bin ich verärgert -und der Troll in mir erwacht.
2011 wurde ich auf seinem Blog gelöscht, weil ich auf die Briefe, die Beweis-und Tatmittel einer Beihilfe zum Mord sind, hinwies. Und vor allem auf die Stelle,die Jens in seinen Schriften immer ausläßt, in der er die von ihr erwähnten Einbrüche im Wohnumfeld der Eltern sinngemäß mit “ Es wird noch einen Einbruch geben aber dann…“ kommentiert. Juristisch gesehen sind auch Andeutungen Aussagen, in einem Briefwechsel, in dem sie mehrfach Mordwünsche äußert, ist das für mich eindeutig die Beihilfe zum Mord per psychischer Stimulation, wie sie unser deutsches Strafrecht kennt. Unerheblich, ob sie schon tatentschlossen war- jede Bestärkung eines Tatentschlusses verwirkt die Beihilfe. Unerheblich, ob sie andere anstiftete- dann ist es Beihilfe zur Anstiftung.
Und damit ist für mich die Frage nach Jens‘ nicht nur moralischer Schuld- welcher „Freund“ stimuliert eine Mordfantasierende noch-sondern auch nach seiner strafrechtlichen Schuld hinreichend beantwortet und ich will mich sicher nicht für ihn einsetzen. Im Extremfall mag er physisch mit der Tat nichts zu tun haben( ich glaube das eher nicht): egal , er ist psychischer Beihelfer und damit schwerst moralisch und juristisch schuldig.
Bezüglich der Bewertung der Indizien, auch der neuen DNA-Beweise, bin ich mir übrigens keineswegs so sicher wie Frau Steinberger. Das Blut kann z.B. durch einen Spurensicherer verunreinigt sein, so daß die “ fremde DNA“ vielleicht sogar die von Ricky Gardner ist…
Ich wundere mich sowieso, daß man keinen Vaterschaftstest bezüglich der DNA mit der ja vorliegenden DNA von Elizabeth macht, dann könnte man die Opfer-DNA klar zuordnen.
Aber nochmals: angesichts der für mich erwiesenen Beihilfe per psychischer Stimulation ist das alles unwichtig für die Frage, ob Jens Engagement verdient.
Erfreulicherweise sagte Frau Steinberger trotz insistierender Fragen aus dem Publikum, daß sie letztlich nicht wisse, ob Jens unschuldig sei. Sicher sei für sie nur, daß die Tat wegen der DNA nicht so begangen sein könne, wie er es gestand. Wie gerade ausgeführt: selbst das sehe ich anders.
Aus dem wenigen, was ich über den Film und sonstige Literatur über den Briefwechsel zwischen Jens und Elizabeth weiß, habe ich übrigens den Eindruck, daß er sie mindestens so stark stimliert hat wie sie ihn. Denn was sucht eine verunsicherte Frau? Einen starken Mann, der ihr sagt, wo es lang geht. In diesem Fall bestärkte er sie in der schon eingeschlagenen falschen Richtung.
Frau Steinberger ist sicher nicht verunsichert, dennoch habe ich den Eindruck, daß sie die journalistische Neutralität inzwischen verlassen hat.Warum auch immer: he put a spell on her.

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