Zum Widerstand

Ich bin Sklave und Rebell von meinen Grundneigungen her. Sklave, wenn übergeordnete Autoritäten aus meiner Sicht vernünftige Dinge bestimmen, selbst wenn das mit ( erträglichen)Nachteilen für mich verbunden ist.

Rebell, wenn mir die Autoritäten dummdreist erscheinen, mit ihren Anordnungen ihre propagierten Ziele eher konterkarieren.Zusätzlich bin ich sicher noch mehr, Erkenntnissucher zum Beispiel, was mich zur Analyse der Widerstandskultur motiviert.

Erkenntnisse zur Kultur des Widerstands:

Es geht zuerst einmal um eine innere Haltung der “ Autoritätsprüfung“, die dann gegebenenfalls bei vorliegen einer gefühlten Widerstandslage zur tieferen Analyse des Gegners und zur eigenen Lage führt. All das dringt noch nicht nach außen, muß es auch je nach Lage nicht. Manchem Widerständler mag auch die innere Analyse des Gegners genügen, unabhängig von äußeren Möglichkeiten des Widerstands.Schon dieser “ innere analytische Widerstand“ wird sich übrigens indirekt in der äußeren Kommunikation äußern, in Fällen eines starkt repressiven Systems( Stalinismus) ist dann eine aktive Legendierung dieses indirekten Widerstandsausdrucks erforderlich. Beispielsweise mittels Selbstdarstellung als „nervöse Persönlichkeit.“. Sonst kann schon dieser innere Widerstand gefährlich werden.

In der Regel wird der Widerständler natürlich seinen Gegner stören wollen, viele- und das kann problematisch sein- wollen ihn auch besiegen, überwinden. Problematisch deshalb, weil bis auf stalinistische Extremrepression der Widerständler seine Neigung aus innerpsychischen Gründen mindestens so stark braucht wie die äußeren Umstände vielleicht veränderungswürdig sind. Wem das nicht bewußt ist, verliert mit dem Gegner seinen Lebenssinn, wer das erkennt, kann leicht auf einen neuen Gegner umschalten oder sucht sich einen Dauergegner, in meinem Fall ist das die forensische Psychiatrie. Viele DDR-Oppositionelle sind durch äußere Umstände( Repression, aber nicht extrem, so daß sie zum Widerstand verführt wurden) zum Widerständler geworden, ohne es von der Persönlichkeit her zu sein. Das führt- mein Eindruck-nach dem Wegfall des Gegners zum Sinnverlust und auch zur Trauer über verpasste Karrierechancen, wenn er sieht, daß die Stasis karrieretechnisch in der Bundesrepublik an ihm vorbeiziehen, gute Renten bekommen während er selbst mit Haftschäden rumlaboriert. Der echte Widerständler dagegen ist bei allem Frust über Haft und schlechte Lebensbedingungen letztlich froh und glücklich, den Widerstand gelebt zu haben.Und ihn in neuen Varianten, möglicherweise mit neuen Gegnern, weiterzuleben.

Strategien und Taktiken des äußeren Widerstands von vorsichtiger Kritik bis hin zum Guerillakampf finden sich zahlreich in schöngeistiger  Literatur( Ernst Jünger), politischer (Geheimdienst-)Literatur ( Sun Tsu,  Kautilya, Machiavelli, Guicciardini)und geschichtsanalytischen Werken, beispielsweise über den Widerstand in der DDR.Gerade im zeitlichen Abstand zeigen sich wiederkehrende Grundprinzipien des Widerstands, die man an die eigene Zeit, die gegenwärtige Technologie anpassen kann. Im neuen Buch von Peter Wensierski über jugendliche Revolutionäre in Leipzig zeigt sich beispielsweise ein Vorläufer von Wikileaks: die haben die Stasimitarbeiter mit einem Teleobjektiv heimlich porträtiert und mit einem Tonbandgerät die eigene Vernehmung mitgeschnitten.

Ich selbst mit meinem Lügenverhalten im Maßregelvollzug bin ein Beispiel für die Kombination des vordergründig rein inneren Widerständlers, legendiert als etwas dummer Musterpatient(der servile “ dumme Juro“ aus Krabat war einer meiner literarischen Vorbilder) mit einem nur für mich als widerständig wahrzunehmenden äußeren Resultat, der lügenbedingten Entlassung .Und dem äußeren Widerstand, der Publikation darüber seit 15 Jahren. Schon seinerzeit während meiner Forensikzeit.  hatte ich diese Publikation  angedacht.  Publikation über Widerstand ist selbst ein Klassiker des Widerstands, DDR-kritische Autoren wie Wensierski werden meines Erachtens unterschätzt hinsichtlich des dadurch stark mitbedingten Zusammenbruchs der DDR.

Als “ echter Widerständler“ habe ich dabei überhaupt kein Problem damit, daß die forensische Psychiatrie anders als die DDR zumindest in absehbarer Zeit nicht zusammenbrechen wird und meine gesellschaftliche Resonanz heute gleich Null ist. Ich genieße einmal die Provokation und weiß dann aus meiner Beschäftigung mit Geschichte, daß in ferner Zukunft meine Berichte und Analysen auf außerordentliches Interesse stoßen müssen, denn außer von mir gibt es nichts auf eigener Erfahrung basierendes  kritisch-analytisches zum Thema Straftätertherapie im 20./21.Jahrhundert.

Und als echter Widerständler habe ich auch überhaupt kein Problem mit der stärker werdenden Repression in der Bundesrepublik, Stichwort Heiko Maas und das Netzwerkdurchsetzungsgesetz – NetzDG. Ganz im Gegenteil,meine widerständige Fantasie fühlt sich beflügelt. Die Vorstellung, daß Heerscharen von Gefrusteten ihre Freiheit auf vk.com entdecken könnten, ist da nur der Anfang.

 

 

 

 

 

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